AUSVERKAUF DES GUTEN WILLENS

kp_adminErnährung, Nachhaltigkeit, Umwelt

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  • DIE ROUTINE

    „Wichtig ist, dass Sie wissen, dass die zwei Kugeln veganes Eis in ihrer Herstellung und den Zutaten aufwendig und kostspielig sind. Gutes Tun verlangt eben, dass Sie 3,80€ für dieses Eis bezahlen und uns glauben, dass sich dies irgendwo in den Wirtschaftskreisläufen rechtfertigt.“

    Bezahlen Sie trotzdem das Eis? Bezahlen Sie öfter solche Preise und akzeptieren trotz Schock 3,50€ für ein halbes Brot beim Bäcker im Veganz? Und das weil Sie glauben, das Richtige zu tun indem Sie nach den veganen und mit Bio Siegel versehenden Produkten greifen? Dann hat Sie der Kapitalismus auch an diesem Zweig ihres kritisches Verstandes gepackt und zu sich in die Routine des Systems gezogen.

    Die multimediale Berichterstattung über schädliches Essen voll mit Pestiziden und die Folgen konventioneller Lebensmittelproduktion treibt uns in Richtung Bio- Supermarkt. „Wurden 2010 noch 0,95 Mrd. € umgesetzt, so betrug der Gesamtumsatz dieser Bio-Großhändler im Jahr 2014 bereits 1,37 Mrd. €. Rund 0,9 bis 1,2 Mio. Menschen in Deutschland ernähren sich nach Angaben der Veganen Gesellschaft und des Vegetarierbundes vegan. Das sind 1,1 bis 1,5 % der Bevölkerung (1)

    Denn „Im Bewusstsein vieler Bio Konsumenten ist die Überzeugung verankert, mit dem höheren Preis gleichzeitig den ‚wahren‘ Preis für Lebensmittel zu zahlen und damit einer ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen. Erhebungen der Produzentenpreise (ZMP, 2003; ZMP, 2004) spiegeln aber einen weitaus geringeren Preisunterschied wider als dies aufgrund der Verbraucherpreise zu vermuten wäre.
    Der höhere Erzeugerpreis für ökologisch erzeugte Produkte von nur wenigen Cent je Liter Milch oder Kilogramm Fleisch wächst im Laufe der Verarbeitungs- und Distributionskette zum Teil auf mehrere Euro Differenz bei den Konsumentenpreisen an. […] Dabei zeigen Marktrecherchen über die Produktionsbedingungen von Bioprodukten, dass dessen Kosten im Herstellungsprozess nur gering über den konventionell produzierten liegen. […] Trotzdem liegt ihr Preis deutlich im 2 bis 3fachen Bereich und die Menschen kaufen es. […] Woran liegt es, dass diese Entwicklung möglich ist?“
    (2)

  • ERKLÄREN SIE SICH

    Längst gehört es zum guten Ton eines jeden intellektuellen Verstandes, sich über die Produktionsbedingungen unserer Nahrungsmittel, über die ökologischen Kosten unserer Kleidung und die Bilanz unseres täglichen CO2 Abdruckes zu informieren und entsprechend zu agieren.
    Die Ignoranz schlechter umweltwirtschaftlicher Handlungsweisen können wir nicht mehr als grobe Nachlässigkeit junger Jahre abtun und das vergessene Einschalten eines Nachrichtenkanals als Entschuldigung gelten lassen. Bio Nahrungsmittel aus dem Ausland und vegane Kleidung bekannter Label, Elektroautos und umweltverträgliche Möbel sind die Erlaubnis der Moderne, so weiterzumachen wie vorher – mit unreflektiertem Konsum und ausbeuterischem und betrügerischem Markttreiben.

    Wir können heute ein Abfallprodukt, das bei der Produktion von glutenfreien Produkten oder Bioethanol entsteht, in hässlichen Plastikbeutelchen verpackt aus dem veganen Supermarkt mit nach Hause nehmen und uns als veganen Bio- Fleischersatz auf den Teller legen. Es genügt uns, dass wir den großen Produzenten unser Geld im Tausch für etwas geben, das sie vormals als billigen Klebstoff zwischen fleischigen Reststücken schütteten, um in uns ein Gefühl von Weltverbesserung hervorzurufen. Emotional sind wir ein Stück gewachsen.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern welch großer Aufschrei entzürnter Massen den jahrelang verdeckten Einsatz von Analogkäse auf der 1€ Tip Pizza anprangerte. Unzählige betroffene Accounts schrieben sich im Internet ihr Entsetzen von der Seele während die Produzenten abwarteten.

    In kluger Voraussicht wussten sie schon 2009, dass “ ‚Man … es auch positiv sehen‘ kann‘, sagt Max Wiedemann, Chef von Jeneil. Da Analogkäse keine tierischen Milchfette enthalte, sondern nur Milcheiweißpulver und Pflanzenfett, sei er cholesterinverträglich und laktosefrei – zur Freude von Allergikern. Allerdings greifen Fertigprodukthersteller, Imbissbuden und Restaurants in Deutschland aus anderen Gründen auf das Imitat zurück: Es kostet nur rund die Hälfte von normalem Käse.“(3)


ICECREAM MARKET

SOMMER 2015 | Berlin
HAUBENTAUCHER | RAW Gelände Friedrichshain

  • Nun hat dieser aus Magermilch produzierte und daher kostengünstige Kunstkäse einen veganen Weggefährten im Imitat aus Pflanzenfetten und Sojabohnen gefunden und ist damit in dieser Variante zum veganen Luxusprodukt herangewachsen und lässt sich allein mit dem Aufdruck „vegan“ für gutes Geld verkaufen, ohne dass sich eine kritische Stimme erhebt.

    „Pizzaschmelz ist die leckere, fein geriebene vegane Alternative zu Streukäse. Er überzeugt mit seinem vollen Geschmack auf ganzer Linie! Mit seinem authentischen und milden Aroma und seiner angenehmen Konsistenz ist er kaum von „echtem Käse“ zu unterscheiden. Er eignet sich hervorragend zum Überbacken von Pizza, Aufläufen und Lasagne oder einfach pur über Nudeln gestreut. Auch in Sandwiches ist dieses Produkt eine helle Freude! Ein Traum – nicht nur für alle, die sich vegan ernähren!“ (4)

    So manch in verschrifteter Form verpackte Konsumentennepp gibt es auch in der gelebten Welt auf Märkten oder Events, die sich auf den Ausverkauf des guten Willens spezialisieren. Der gute Wille, den so mancher auf diese Märkte treibt, wird hier teuer vertrieben. Denn heute zahlen wir Eintritt für den Zugang zu einem veganen Markt, auf dem wir lediglich konsumieren wollen.

    Es klingt nahezu absurd, wenn wir Geld für das Konsumieren- Dürfen überteuerter Produkte bezahlen, ist jedoch Realität. Diese neue Realität findet Zustimmung in den Massen an Menschen, die sich dafür brav in einer langen Schlange am Eingang anstellen und warten, dass sie hinein dürfen. Derartiges Markttreiben kann nur als Steigerungsform des Ausverkaufs des guten Willens deklariert werden.

    DER KAPITALISMUS IST IN DER MITTE UNSERER GESELLSCHAFT ANGEKOMMEN,

    wenn die gute Idee und der Wunsch nach Veränderungen ausverkauft wird und auch ausverkauft werden kann. Denn der Ausverkauf kann nicht ohne diejenigen stattfinden, die sich als Konsumenten zur Verfügung stellen. Nur im Zusammenspiel mit unserer Akzeptanz können Händler und Produzenten viel zu hohe Preise für eine Sache verlangen, die einen edlen Kern hat.
    Im Mantel kapitalistischer Strukturen verpackt, unterwirft sich eine gute Idee mit einem höheren Ziel der heute herrschenden Ökonomie, ohne dass wir eingreifen, weil wir diese Strukturen kennen und akzeptieren.

  • Aus dem Antrieb nach Veränderungen von schlechten ökologischen wie ökonomischen Systemzwängen eines kapitalistischen Systems ist der bequeme und überteuerte Einkauf des guten Gewissens geworden. Für uns bedürfen alle vorhandenen Alternativen, die wir fix einkaufen können, keiner Überprüfung, da wir vor dem Label der grünen Absicht auf die Knie fallen.

    Sobald die Deklaration „vegan“ oder „bio“ als ein Produktmerkmal ausgewiesen wird, halten wir es für gesund, ökologisch und daher finanziell vertretbar, ohne dass wir nachfragen. Der Aufdruck „fair trade“ lässt uns unkritisch den Kaffee und die Schokolade besonders bekömmlich erscheinen, auch wenn wir wissen, dass wir mit den „fairen Preisen“ den Kaffeebauern keine besseres Leben finanzieren sondern den Händlern.

    Der gute Wille ist bequem geworden und lässt sich teuer kaufen. Der Kapitalismus hat längst verstanden, wie er seine Spielregeln in einer neuen ökonomischen Nische platzieren und sich damit seinen Marktanteil sichern kann.

    Viele konsumieren im Glauben, dass es ausreicht, wenn sie konventionell produzierte Waren vermeiden und auf Fleisch verzichten. Wir müssen dringend unser Konsumverhalten prüfen, wenn wir bei Sonnenschein auf der grünen Wiese einem Marktstand begegnen, der leckeres veganes Eis anbietet.

    * (1) Quelle: „Zahlen, Daten, Fakten – Die Bio Branche 2015″ | Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft | http://www.boelw.de/uploads/media/BOELW_ZDF_2015_web.pdf | Seite 5 und 7
    * (2) Quelle: „Preisvergleich – Wie teuer sind Bio- Lebensmittel“ | http://orgprints.org/2377/1/2004_%C3%96L4_Preise.pdf | Seite 2
    * (3) Quelle: http://www.taz.de/!5164520/
    * (4) Quelle: http://www.wilmersburger.de/produkte/pizzaschmelz

    Autor: Margarete Stein