IST SPIRITUALITÄT DIE ERLÖSUNG IM DIESSEITS? | BERLIN

kp_adminBildung, Kunst & Kultur, Nachhaltigkeit

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  • „Mit der Aufklärung ist die Ökonomie von einer ,beseelten‘ zur seelenlosen geworden. … Die Hoffnung, im Himmel entschädigt zu werden für ein mehr oder weniger armseliges Leben, wurde eingetauscht für die Option, im Leben selbst Erlösung zu erreichen: Unbegrenztes Wachstum und eine stetige Steigerung des Lebensstandards sollten das Paradies aus dem Himmel auf die Erde holen. Nun aber ist auch dieser Glaube verloren gegangen …“(1)

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    _as können wir tun damit wir im Hier und Jetzt Halt finden, wenn von uns der Glaube an eine Erlösung und damit an ein besseres Leben nicht mehr aufrecht erhalten werden kann? Die Erkenntnis über ein Leerlaufen der eigenen Bemühungen in Arbeit und Leistung überrennt uns nicht mehr im Alter, wenn wir weise geworden sind sondern in jungen Jahren, wenn wir noch alles vor uns haben.
    Die Zweifel über ein Versprechen, das der Kapitalismus nicht mehr halten kann, bohren sich tief in unser Gemüt und lösen die Sinnfrage aus. Mit Mitte 30 stehen wir vor einem Haus auf Kredit, einer Familie mit kleinen Kindern und einem Job, den wir nicht mehr für den Rest unseres Lebens machen wollen und fühlen uns verloren, seelenlos und gefangen in einer Welt voll Plunder.

    Worin finden wir den Geist der Gegenwart und damit Hoffnung, wenn uns der pure Wert des Gegenständlichen und des Konsumierens nicht zufrieden stellt? Was tröstet, wenn der künstlich erschaffene Rausch nicht mehr ausreicht, um die Leere zu verdrängen?

    „Der Kapitalismus hat die Erlösungsfunktion übernommen, nun aber nicht für die Ökonomie der Seelen, sondern für die Ökonomie des materiellen Lebens.“(2) ist die wesentliche Erkenntnis, die uns finden muss. Wir müssen zunächst erfahren, dass dem purem Materialismus der spirituelle Geist fehlt und das die Sinnfrage in uns auslöst. Es verlangt nach spiritueller Aufklärung.

  • D

    _diesen Gedanken nahm der XXXI. Interdisziplinären Salon auf und machte ihn zum Gegenstand der Gesprächsrunde. Zum XXXI. Interdisziplinären Salon, der von der Konrad- Adenauer Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsgestaltung und dem philosophischen Wirtschaftsmagazin agora42 ausgerichtet wurde, kamen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Medien und Wirtschaft für einen Austausch über die spirituelle Aufklärung (Thema der agora 42 in Ausgabe 1/2016) zusammen.
    Unter der Moderation von Wolfram Bernhardt (Mitgründer der agora 42) sprachen auf dem Podium Prof. Dr. Birger P. Priddat, Prof. Dr. Anabel Ternes und Nicolas Wenzel über die Spiritualität als Gegenposition zum Materialismus.

    Die Spiritualität ist „mehr als die pure Gegenständlichkeit und Ressource. Sie ist Geist und Glaube.“ ** und damit mehr als das seelenlose Konstrukt einer Welt, die die in ihr lebenden Organismen (auch den Menschen) auf die Mechanik reduziert. Eine „intellektuelle Redlichkeit“ **, mit der uns bewusst wird, dass „das Geistige der entscheidende Faktor ist und wir als Menschen die Welt denken und denkend ordnen.“ **

    Dort, wo wir den Halt verloren haben und nach Orientierung suchen, wenn diese in der materiellen Welt verloren gegangen ist, ist Spiritualität die Antwort.
    Dabei unterliegt die Spiritualität ebenso dem Risiko „vermaterialisiert“ und damit einer Verwertungslogik zugeführt zu werden wie jedes andere Element in dem Warenkreislaufsystem unserer Wirtschaft. Da wir jederzeit selbst, unser Sein, Wirken und Handeln auf die Gegenständlichkeit als Ware, als ein Produkt reduziert werden können, kann unsere Spiritualität selbst wieder einen Markt generieren.


XXXI. Interdisziplinäre Salon

März 2016 | Berlin
Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung
Ökonomie | Gesellschaft | Mitte

  • A

    „_uf dem Markt bezahlen wir für Spiritualität. In der Hoffnung auf eine schnelle Erlösung, auf eine Errettung aus Depressionen, Unglück und Trauer gehen wir in einen Workshop, zur Therapie oder lassen uns coachen. Wir wollen uns die Erlösung nicht erarbeiten. Wir wollen schnell konsumieren“ ** damit wir morgen wieder so ungestört weitermachen können wie vorher und all jene Lästigkeiten der Trauer, die uns die Seelenlosigkeit der uns umgebenden Dinge beschert hat, los sind. Wir wollen leicht wie eine Feder fliegen. Mit Red Bull, denn das verleiht Flügel.

    Wenn wir glauben können, sind wir glücklicher und fühlen uns getröstet. Der Glaube vor der Aufklärung war die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits nach dem Tod. Es war pures Vertrauen darauf, dass bessere Zeiten die Seele von Leid und die eigene Existenz von allem Negativen befreit.
    Die Abkehr von diesem Glauben und damit ein Paradigmenwechsel vollzog sich in der Aufklärung durch die „Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz“.

    „Die Ökonomie nach der Aufklärung übernahm dieses Versprechen. Nun verspricht der Kapitalismus eine materielle Lebensqualitätssteigerung im Diesseits.“ (3)

    Dieses Versprechen ist zu unserem Glauben und damit der Kapitalismus zur Religion geworden, weil wir seinen Lehren folgen. Wie die Heilige Schrift die normativen Texte für das Christentum vorgibt, schwören wir auf Thesen finanziell erfolgreicher Menschen. Glaubensfragen, ethische Fragen oder rituelle Fragen werden durch die Berufung auf die heilige Schrift entschieden und somit letztgültig festgelegt.
    Wenn wir entscheiden, dann aus Vernunftsgründen, die die Gesellschaft immer anerkennt. Eine Entscheidung des Herzens wird beim Scheitern immer zum Vorwurf der falschen Wahl. Ein Scheitern durch eine Entscheidung der Vernunft wird zu unglücklichen Umständen.

  • „Nun läuft das Erlösungsversprechen des Kapitalismus leer, da wir dieses nicht erreichten werden. Dort, wo der Mensch auf Arbeit und die Natur auf Ressourcen reduziert ist, fehlt der spirituelle Geist.“ ** Da der Kapitalismus der pure Materialismus ist, kommen wir schnell zur Sinnfrage.

    D

    „_ie Sinnsuche ist ein verdammt harter Weg der Spiritualität, auf dem wir uns erst von allem befreien müssen, das uns einem Sinn und schnelle Erlösung suggerieren will.“ **
    Wir können die Befreiung nicht konsumieren. Spiritualität ist die Selbsterkenntnis darüber für seine Erlösung und Befreiung selbst verantwortlich zu sein.

    WENN DER KAMPF VORBEI WAR, WAR NICHTS VON BEDEUTUNG, HINTERHER FÜHLTEN WIR UNS ERRETTET. (4)

    ** Gespräch des Interdisziplinären Salon
    (1 | Birger P. Priddat | Mitherausgeber der agora 42 | Ausgabe 01/2016 | Seite 16)
    (2 | Birger P. Priddat | Mitherausgeber der agora 42 | Ausgabe 01/2016 | Seite 17)
    (3 | Birger P. Priddat | Mitherausgeber der agora 42 | Ausgabe 01/2016 | Seite 17)
    (4 | Tyler Durden | Der spirituelle Kampf | Ausgabe 01/2016 | Seite 40)