BLOGGEN IST ARBEIT | GASTBEITRAG VON JENNI | MEHRALSGRÜNZEUG

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Bloggen ist Arbeit

GASTBEITRAG VON JENNI | BLOG MEHRALSGRÜNZEUG

Blogger*innen geht es gut. Sie leben ein wunderbares Leben, bekommen Aufmerksamkeiten (kleine und große) von namenhaften oder auch nicht so namenhaften Firmen, erhalten Geld für ein bisschen Geschreibsel, probieren sich durch sämtliche Möglichkeiten der neuen Medien. Kein Wunder, dass sie dauergrinsend auf ihren schokoladenseitenbetonenden Profilbildern und Outfitposts zu sehen sind. Was muss das für ein Leben sein! Ja, was ist das für ein Leben?

Das habe ich mich auch oft gefragt – früher, als ich selbst noch nicht „dazu“ gehörte – als ich selbst noch nicht mit dem Bloggen begonnen hatte und mir das Wort beinahe so fremd war wie die Technik dahinter. Mittlerweile bin ich schon fast ein Jahr dabei (was in Bloggerkreisen nun wirklich noch nicht lange ist und ich muss auch gestehen, dass ich noch ein paar Reste von Grün hinter den Ohren habe) und kann nun eine differenziertere Perspektive einnehmen.

Bloggen ist toll, so viel halten wir einmal fest. Bloggen eröffnet neue, ungeahnte Möglichkeiten – man lernt nette Leute kennen, die im Idealfall dieselben Interessen haben, tobt sich auf seiner eigenen digitalen Spielwiese nach Herzenslust aus, schießt Bilder, schreibt Texte, kommentiert, teilt, vernetzt sich. Das macht unglaublich viel Spaß und das, was man dabei lernt, kann man gar nicht hoch genug schätzen.

Doch halt! Diese Aufzählung ein paar Zeilen weiter oben – das klingt doch auch nach einer Menge Arbeit, oder? Nimmt das nicht ganz schön viel Zeit weg, dieses Bloggen, dieses im-Netz-aktiv-Sein?
Die kurze Antwort lautet: Ja, natürlich. Das frisst Zeit. Ohne Ende, wenn man es richtig (oder falsch) macht. Damit wären wir auch bereits am Kern unseres heutigen Artikels:

Wie viel Vernetzung ist gut für uns Blogger*innen?
Wie Blog tut uns gut – und wo sollte Schluss sein?
Wo ziehen wir die Grenze zwischen Vergnügen und Arbeit?

Bloggen ist mehr als Freizeitbeschäftigung

Ich muss zugeben: Als ich angefangen habe mit dem Bloggen, da dachte ich, das sei aber eine nette kleine Nebenbebeschäftigung. Sowas, das man mal eben so neben zahlreichen anderen Hobbies einschiebt. Ich wurde sehr schnell eines Besseren belehrt. Es dauerte nicht lange, und ich war vom Computer nicht mehr wegzubekommen. Welten taten sich vor mir auf, von denen ich bisher gar nichts geahnt hatte: Da machten so viel junge, hübsche, erfolgreiche Leute genau das, wovon ich immer träumte – und das mit wesentlich mehr Resonanz als ich!

Ich verbrachte Stunden um Stunden, mich an diesen perfekten Menschen und ihren perfekten Leben inklusive (perfekten) Foobildern, (perfekten) Outfits, (perfekten) Sponsored Posts sattzusehen. Irgendwo in meinem Hinterkopf meldete sich aber ein Stimmchen: So wollte ich nun nicht sein – erfolgreich ja, schon, aber nicht so sehr. Ich wollte mich nicht verkaufen – wie ich bei einigen dieser jungen Menschen den Eindruck hatte, dass sie es taten – sondern ich wollte ich selbst bleiben mit dem, was ich tat.

Trotzdem wollte ich gehört werden.

Seien wir ehrlich: Es gibt wahrscheinlich keine Blogger*innen, die einfach nur für sich schreiben. Jeder und jede möchte jemanden erreichen, Gleichgesinnte finden, sich austauschen. Dafür eröffnet man einen Blog. Und das ist gut so. Wir erkunden aktuell die Weiten der digitalen Welt, wir loten aus, was da machbar ist und betreten immer wieder Neuland.

Das ist spannend und aufregend – doch leider birgt der Kontakt auch immer das Risiko des Vergleichens. Und der Vergleich wiederum evoziert schnell Neid. Und wenn nicht negativen Neid, dann doch zumindest den Wunsch, es auch so professionell, so toll, so schön hinzubekommen wie der andere da. Oder die da. Oder die. Plötzlich können es alle besser. Plötzlich veröffentlichen alle um einen herum rasend schnell neue Beiträge – man kommt gar nicht hinterher, sie alle zu lesen. Übrigens noch eine Pflicht, zu der man sich als Blogger*in berufen fühlt: Bloggen heißt nicht nur, sich um sein eigenes Baby zu kümmern (was ja an sich schon aufwändig genug ist, will es immerhin mit neuen Beiträgen, Fotos, beantworteten Kommentaren, SEO und so weiter befüllt werden), sondern auch links und rechts immer schauen, was die anderen machen.

Böse Zungen nennen die andern die „Konkurrenz“. Nettere, offenere Menschen, die den Sinn des Bloggens noch immer im Austausch sehen (und damit meiner Ansicht nach absolut richtigliegen), sprechen von „Kolleg*innen“. Nun lebt ein Netzwerk aber von stetigem Austausch und muss gepflegt werden. Es gilt die goldene Regel: Wenn ich bei anderen kommentiere, erhalte ich ebenfalls Kommentare. Und je mehr Kommentare ich auf meinem Blog erhalte, desto attraktiver wird er – für Google und für die Leser*innen.

Wir sehen schon: Die Sache ist kompliziert.

Bloggen ist mehr, als sich hinzusetzen und mal schnell ein paar Zeilen zu schreiben. Zumindest, wenn man es ernst meint. Allein ein ordentlicher Beitrag kostet mindestens 3-4 Stunden Arbeit – egal, worum es sich dabei handelt. Es wollen Bilder gemacht werden, der Text muss geschrieben werden (auch da gibt das Suchmaschinenoptimierungsmantra eine Mindestwortzahl von 1000 vor – sonst enthalte der Text höchstwahrscheinlich nicht den magischen Mehrwert), Schlagworte müssen gefunden, alles muss noch einmal generaloptimiert werden, bevor es dann endlich auf den wartenden Leserstrom losgelassen werden kann. Der sich natürlich nicht von selbst einstellt.

Denn jetzt beginnt Phase 2 der intensiven Blogarbeit: das Werben. Das an-den-Mann-Bringen der eigenen geistigen Ergüsse. Da sind die sozialen Netzwerke zugleich unsere engsten Freunde und unsere erbittertsten Feinde. Denn natürlich können wir hier wunderbar eine riesige Anzahl an Menschen erreichen – alles potentielle Leser*innen! – doch auf der anderen Seite kostet auch das Teilen auf drölfzigtausend Social-Media-Kanälen wieder letzten Endes nur eines: Zeit. Und Nerven. Eigentlich könnte ich in der Zwischenzeit doch das Buch, das ich gestern angefangen… Moment! … Was läuft hier gerade falsch? Merkt ihr es?
Seit wann eigentlich stelle ich das Bloggen über andere Dinge, die mir wichtig sind?

Latente Gefahr: Arbeit macht Stress

Gute Frage.
Das Problem an der Sache: Das geht schneller, als einem lieb ist. Auch und gerade unter Bloggern ist daher das Phänomen des Burnout gar nicht mal so selten. Beinahe 500.000 Ergebnisse spuckt die Suchmaschine unseres (Un-)Vertrauens aus, wenn wir den Begriff Bloggerburnout eingeben. Und relativ schnell sehen wir, dass sich vor allem eine Personengruppe intensiv damit beschäftigt: die Blogger selbst. Von „verkaufter Freiheit“ ist da die Rede, Begriffe wie „ausgebrannt“, „leistungsoptimiert“ und „Totalerschöpfung“ fallen.

Aber haben wir da nicht etwas falsch verstanden?
Als Leser*innen ebenso wie als Blogger*innen?
Woran liegt das, wie kann das sein, dass so etwas, das so viel Freiheitspotenzial in sich trägt wie das Bloggen, auf einmal zur psychischen Falle wird?

Das Zauberwort: Professionalisierung

Diese greift auch – man glaubt es zunächst eher nicht – immer mehr im Bloggeruniversum um sich. Begannen die meisten Blogs als kleine digitale Experimente, lecken die Betreiber*innen (da schließe ich mich nicht aus) ziemlich schnell Blut: Das geht noch besser, das geht noch schöner, das geht noch pfiffiger.
Nächtens wird da am neuen Design gewerkelt, Hostingsgebühren, SEO, Blog-Coaching und so weiter sind den meisten schon längst keine Fremdworte mehr. Und immer wieder: Optimierung, Optimierung, Optimierung. Egal, ob es sich um das Gefundenwerden in den Weiten des Netzes oder um den eigenen Artikelveröffentlichungsplan, der akribisch geführt wird, handelt: Optimierung ist das neue Mantra der Blogging-Szene.

Manchmal, wenn ich Unterhaltungen in Bloggerforen oder -gruppen verfolge, habe ich das Gefühl in eine Diskussion unter Betriebswirten geraten zu sein. Da wird mit Statistiken, SEO-Strategien, optimierten Headlines, Child-Theme-Konstruktionen, Lesermanipulation und dergleichen um sich geworfen, dass man sich kurz fragen möchte, was denn hier nun eigentlich im Vordergrund steht: der Spaß an der Sache oder die Vermarktung?
Der Blogger von heute ist kein Nerd mehr, der sich einem trauten Publikum vertrauensvoll zuwendet. Leider nicht mehr. Eine große Zielgruppe zu erreichen, ist natürlich keineswegs verwerflich – gerade, weil so viel Arbeit dahintersteckt, wäre es so verdammt schade, wenn das am Ende niemand zu lesen bekäme. Aber wir müssen uns auch immer fragen, was der Preis ist für das nächste Däumchen, den nächsten Klick.

Während ich diesen Beitrag schreibe, rückt der Zeiger auf 23 Uhr vor. Ich bin das beste Beispiel dafür, dass Blogger*innen nicht immer das Friede-Freude-Eierkuchen-Leben führen, das man meist mit ihnen verbindet. Wenn man nicht gerade davon lebt (doch auch dann!), hat man in der Regel noch andere Verpflichtungen – im sogenannten Leben 1.0: Man ist Freundin, Partnerin, vielleicht Mutter oder Vater, in jedem Fall aber Familienmitglied, Arbeitnehmer, Studierender und so weiter. Und nebenbei hat man ja auch andere Hobbies (Sport, musische Aktivitäten?), die auch gepflegt werden möchten, um keinen Rost anzusetzen.

Die Lösung: Runter vom Gaspedal!

Dass es dann alles manchmal zu viel werden kann, haben viele Blogger*innen schon erlebt und eine Menge von ihnen haben auch ehrlicherweise darüber geschrieben. Die Lust am Bloggen kommt abhanden, man fühlt sich wie in einem Käfig aus Verantwortung, Verpflichtung, halbgarer Leidenschaft und Automatismus und Zwang. Und das Schlimmste an der Sache: Das haben wir selbst zu verantworten.

Schnell rutschen wir in diese Abhängigkeit von der Anerkennung herein – Leute, schaut euch an, was ich veröffentlich habe! Lest, was es Neues gibt! Und überhaupt: Man hat den Eindruck, immer müsse es Neues zu lesen geben im eigenen digitalen Wohnzimmer. Die anderen legen ja auch ordentlich vor: Die meisten Blogger*innen setzen sich eine Quote von 3-4 Artikeln pro Woche. Wenn diese alle hochwertig sein sollen, stecken eine Menge Arbeit und Zeit dahinter, die am Ende wieder irgendwo abgezogen werden muss. Und wofür das alles?

Manchmal gerät genau diese Frage ins Hintertreffen. Wir schreiben einfach, wir machen einfach. Im verzweifelten Versuch, mitzuhalten, um nicht in der Flut der guten Blogger*innen unterzugehen, die ja eigentlich meine Freunde, weil meine Leidensgenoss*innen sein sollten, kämpfen wir darum, gesehen, gehört, gelesen zu werden. Wir denken uns immer neue Tricks aus – möglichst etwas, das noch keiner vor uns hatte! Wir paddeln im Strom der Wörter wie Ertrinkende. Im schlimmsten Fall. Dass manche Blogger*innen dann (manchmal vollkommen unerwartet) hinschmeißen und den Blog dichtmachen, erscheint vor diesem Hintergrund nur verständlich. Doch muss es so kommen?

Was wäre, wenn wir einmal kurz innehalten würden?
Einmal kurz Luftholen würden?
Merkst du nicht, dass du schon ganz eng im Brustkorb geworden bist?
Wo ist deine Lockerheit hin – du, der du extra zwei Stunden vor der eigentlichen Zeit aufstehst, um schnell noch einen Beitrag fertig zu bekommen. Du, die du Nachtschichten schiebst, die du nicht einmal für deine Bachelor-Arbeit geschoben hast?
Was wäre, wenn du einmal einen Schritt zurücktreten und dich von der Ferne betrachten würdest?
Was würdest du sehen?
Würde dir das, was du sähest, gefallen?

Eine ganz ehrliche Wahrheit: Die Welt dreht sich weiter

Die Welt dreht sich weiter, wenn du mal eine Woche lang keinen Artikel veröffentlichst, weil du es einfach nicht schaffst. Klar, deine Klickraten werden in den Keller gehen – aber war genau war daran jetzt eigentlich noch mal so schlimm? Deine Leser*innen lieben dich, weil du so bist, wie du bist – weil du Persönlichkeit vermittelst, weil du dahinterstehst, hinter dem, was du tust und was du schreibst. Sie lieben dich nicht, weil du ein contentproduzierender Automat bist.
Und darum werden sie dir verzeihen, wenn du den Fuß vom Gaspedal nimmst, vielleicht sogar, wenn du ein bisschen in den Leerlauf schaltest. Sie werden nicht alle auf einmal abhauen, nur, weil du dir deine verdiente Auszeit nimmst.

Wovor hast du Angst?

Ist es nicht surreal, dass wir uns von einem Hobby, von einer Leidenschaft, die vielleicht irgendwann mal mehr als das werden kann, so einnehmen, so verschlingen lassen wie andere Menschen von ihren intensivsten und arbeitsreichsten Jobs?
Sollten wir nicht lieber dankbar für unseren kreativen Raum, für unsere bunte Spielwiese sein? Wäre es nicht eine Schande, wenn wir sie in ein gitterumzäuntes, graues Gefängnis verwandelten?


  • DIE AUTORIN

    Jenni bloggt seit nunmehr fast einem Jahr auf Mehr als Grünzeug über veganes Essen und Leben. Sie hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ist Pazifistin, Germanistikstudentin, Läuferin und Bücherwurm.
    Mit Bloggerburnout hat sie in ihrer kurzen Karriere beinahe schon selbst erste Erfahrungen sammeln müssen, weil sie das Bloggen so sehr gepackt hat, dass es ihr manchmal schwer fällt, damit aufzuhören.


  • Sie ist stolz wie Oskar, doch noch die Balance gefunden zu haben – und sehr dankbar, dass sie hier die Möglichkeit hat, auf KIEZPOPCORN über die Tücken des Bloggerdaseins zu schreiben.
    Wer sich für vegane Gedanken und Rezepte interessiert, ist herzlich eingeladen bei ihr vorbeizuschauen!