REFUGEE HACKATHON

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refugeehackathon
  • Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir uns hier in Deutschland noch gut vor den Konsequenzen einer kapitalistischen Außenpolitik abschotten und in Ruhe unseren Alltag nachgehen konnten, ohne dass wir jemals mit den Auswirkungen von Kriegstreiben und Ausbeutung in Berührung kamen.
    Die schlechten Nachrichten kamen aus einem fernen Land, deren Inhalt viel zu abstrakt war, als dass sie uns irritieren und erschüttern würden. In der warmen Umarmung deutscher Sicherheit dachten wir nicht darüber nach, wie wir den Menschen auf der Flucht helfen könnten und wie es ihnen wohl ergehen mag. Wir dachten viel zu selten laut darüber nach, ob unser System eine Verantwortung dafür trage, was nun passiert.

    Da nun die ehemals fernen Auswirkungen des Treibens unserer Gesellschaft in unsere Gegenwart überschwappen, erscheint in Momenten der Angst der Flüchtlingsstrom als eine drohende Lawine, die alles mitreißen und unter sich begraben würde. Manche fürchten sich so sehr vor Enteignung, vor Verlust jedweder Sicherheit und vor der Einschränkung, dass sie so reagieren wie es ihnen in unserer westlichen Kultur beigebracht wurde: mit Ellenbogen und Missionierung.

    Das, was sich im politischen Raum als atmosphärischer Geruch übler Verhaltensweisen niederschlägt, trägt sich in die Gesellschaft und entzweit die Menschen noch mehr als sie es vorher waren. Da bekämpfen sich die Parteien, die beeinander stehen sollten, um die Krise zu bewältigen, nur um nicht die Gelegenheiten zum Machtkampf ungenutzt verstreichen zu lassen.*

    Auf dem Rücken einer menschlichen Krise läuft der Kapitalismus zur Hochform auf und reißt all jene mit sich, die den Moment des Profits mit leuchtenden Augen kommen sahen. Was im politisch Öffentlichen geschieht, dringt bis ins kleine Private.

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    N24 Streit in der Union zur Flüchtlingskrise
    N-TV Ultimatum in der Flüchtlingskrise
    Zeit Nach Seehofer- Ultimatum: Krisentreffen der Koalition

  • Die, die etwas ändern wollen, müssen hart kämpfen – mit sich selbst und mit den anderen, mit denen, die nicht wollen. Die Krise ruckelt an den Grundfesten unserer Gesellschaft, da nichts mehr ist wie es mal war. Wir nehmen wahr, dass die negativen Seiten der Errungenschaften unseres kapitalistischen Systems so zerstörerisch sein können, dass eine ganze Bewegung ausgelöst wird.

    Dabei müssten wir es doch schon längst wissen, dass der Kapitalismus ins Innerste und Intimste eindringt und uns in unseren Verhaltensweisen steuert. Seine Parolen haben sich ins Mark gegraben und wirken von dort bis ins Herz und Hirn.
    Manchmal liegen wir nachts wach und fürchten uns vor der Arbeit, vor dem Vermieter und vor dem Anspruch, dem wir, so glauben wir, nicht gerecht werden können. NIEMALS!

    Unsere vermeintlichen Unzulänglichkeiten machen uns manchmal bissig. Der Kapitalismus verlangt nach der Wahrung unserer Verhaltensregeln und manche können tatsächlich nicht aus ihrer Haut, wenn es darum geht, etwas abzugeben. Sei es Zeit, sei es Geld, sei es Wohlstand.


INTERVIEW MIT ANKE DOMSCHEIT- BERG UND MARKUS DÖLLE BEIM REFUGEEHACKATHON

Oktober 23 | Berlin
Haus der Demokratie und Menschenrechte


INTERVIEW MIT CONNI EYBISCH- KIMPEL BEIM REFUGEEHACKATHON

Oktober 24 | Berlin
Immbobilienscout Ostbahnhof Berlin

  • Zwei Kulturen

    Erinnern wir uns an das innerdeutsche Aufeinanderprallen zweier vormals getrennter Kulturen. Plötzlich hebt sich der Schlagbaum und wir haben miteinander zu tun. Sozialismus mit Kapitalismus. Gemeinschaft mit Egoismus. Gutgläubigkeit mit dem Ausverkauf menschlichen Anstandes.
    Es ist noch keine 30 Jahre her als Menschen aus dem damaligen Osten das gleiche wollten wie die Menschen, denen es in ihrem Wohlstand vermeintlich besser ging. Wie viele packten ihre Taschen und ließen Haus, Hof und Hund zurück, um glücklich und wohlhabend zu werden?

    Ganze Züge voll Menschen passierten die ehemalige Grenze und sammelten sich in Auffanglagern, die von so manch westdeutschem Bürger kritisch beäugt wurden. Da waren sie – die Ängste um Haus, Arbeit und Auto.

    Gesellschaft und Situation

    Nun ist sie da. Die Fluchtbewegung hat sich vergrößert und niemand kann sie mehr ignorieren. Monatlich trifft eine unglaubliche Anzahl an Flüchtlingen in Deutschland und in weiteren europäischen Ländern ein.
    Menschen, die monatelang auf einer Odyssee unterwegs waren, treffen hier auf Sprachprobleme, Kulturunterschiede, Organisationschaos, Überforderung und einer Angststarre der Politik.

    Wo die Politik versagt, versuchen nun Initiativen und Vereine zu helfen und ein wenig Linderung zu verschaffen. Viele machen sich auf und gehen auf die Strasse, spenden ihre Zeit und ihre Fähigkeiten, um zu helfen und die Dinge in unserer Gesellschaft zu ändern. Im Kapitalismus regt sich was.

  • REFUGEEHACKATHON

    Eine der großen Aktionen, die helfen statt regungslos verharren, war der vergangene REFUGEEHACKATHON, bei dem sich drei Tage lang in Berlin ca. 200 Menschen für die Umsetzung von sinnvollen Web/IT-Lösungen für Flüchtlinge einfanden.
    Vom 23. bis 25. Oktober 2015 fand der von Anke Domscheit-Berg ins Leben gerufene Programmier-Marathon zu Gunsten von Flüchtlingen statt, um sie in ihrem Streben nach einem freien, selbstbestimmten und sicheren Leben zu unterstützen und dafür die Projekte ehrenamtlich, Open Source und kostenlos für NutzerInnen zur Verfügung zu stellen.

    Der von der Universität Eindhoven veranstaltete Design Hackathon ließ seine grafische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingssituation in Europa live in die Ergebnisse des RefugeeHackathon einfließen.
    Flüchtlinge, Helfer, Initiativen und Programmierer waren eingeladen sich mit ihrem Wissen einzubringen und an den Lösungen zu arbeiten.

    Das Engagement der Veranstalter geht über den RefugeeHackathon hinaus. Mit Hilfe einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung soll den Herausforderungen der Flüchtlingssituation nicht nur mit einem technischen Blickwinkel begegnet sondern sich gesamtgesellschaftlich positioniert werden.

    Wir haben für KIEZPOPCORN Interviews mit einigen spannenden Projekten durchgeführt, die wir auf jeweils eigenen Projektseiten gesondert vorstellen werden. Dazu gehört INTERPRETEER von Steffen Niemann und WASLCHIRAA von Project A. INTERPRETEER ist ein Service, bei dem sich Flüchtlinge mit ihren Sprachfähigkeiten einbringen können, um anderen Flüchtlingen zu helfen und stellt hierfür ein Netzwerk zur Verfügung, bei dem sich alle miteinander verbinden können. Als Volontäre arbeiten sie an Übersetzungen, Tandems und geben Hilfestellungen beim Lernen der Sprache. WASLCHIRAA ist eine Plattform, bei der Flüchtlinge Gutscheine von Firmen, Geschäften und Veranstaltern erhalten können.


FOTOS VOM REFUGEEHACKATHON

Oktober 23 & 24 | Berlin
Haus der Demokratie und Menschenrechte | Berlin Prenzlauer Berg &
Immobilienscout | Berlin Ostbahnhof

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  • Wann ist der Einzelne hilfreich?

    Der einzelne Mensch, der bei der Umsetzung solcher Konzepte mitwirkt, ist darin gefordert, sich selbst zurücknehmen und denen die Stimme zu lassen, die gehört werden müssen. Er muss sein Verlangen nach dem Durchsetzen seiner Ideen entschieden zurückweisen und ein passivere Rolle spielen.
    Entgegen der Prägung einer westlichen Gesellschaft nach Konkurrenz und Egoismus muss der helfende Mensch begreifen, dass nicht er im Mittelpunkt steht. Setzt er sich darüber hinweg, vollzieht sich eine Verschiebung der Verhältnisse, die von Bevormundung und Unterordnung geprägt sind und dadurch die tatsächlichen Bedürfnisse nicht erfassen. Es besteht die Gefahr ein Hilfsangebot aufzustellen, dass nicht helfen kann sondern zu Verwerfungen führt, da es den tatsächlichen Bedarf und den Hilfesuchenden selbst ignoriert.

    Die Menschen auf der Flucht sind diejenigen, die das Wissen über die Notwendigkeiten in sich tragen. Sie erleben viel Elend und Not auf ihren Wegen, sind in Deutschland mit einer fremden Kultur und in den Unterbringungen mit einer komplexen Not konfrontiert.
    Sie sind befähigt uns mitzuteilen, woran es mangelt, was schlecht funktioniert und welche Hilfe ihnen tatsächlich entgegenkommt. Sie können uns von ihrer Kultur erzählen und die Nützlichkeit und den Mehrwert einer Entwicklung nennen.

    Das geduldige Zuhören und Arbeiten für eine Idee, die von den Hilfesuchenden hervorgebracht wird, bewirkt noch viel mehr. Wenn wir den Flüchtlingen das Zepter für Entwicklungen in die Hand geben und uns hinten anstellen, ermutigen wir sie dazu, aus der Passivität heraus aktiv zu werden und sich selbst zu ermächtigen.
    Sie erhalten Verantwortung und wieder das Gefühl, das eigene Leben mitzugestalten und können die Position als Bittende verlassen.

  • Wir geben ihnen die Errungenschaften unserer westlichen Kultur und entwickeln uns als Gesellschaft weiter, wenn wir unser Bedürfnis nach Wichtigkeit und Durchsetzung abtreten und die Selbstermächtigung des Einzelnen vorantreiben.
    Die Wahrung der Freiheit und die Aufrechterhaltung des Respekts vor dem Wollen des Anderen verlangt nach innerer Reife, die wir angesichts solcher Situation zeigen müssen.

    Für nachhaltige Veränderungen muss der Einzelne sein Tun reflektieren, bewusst wahrnehmen und entgegen seiner bisherigen Prägung handeln und auf eine Selbstdarstellung verzichten, die den Bedarf unterminiert. Wir können jeden Tag den eigenen Blickwinkel ändern und dürfen nicht mit westlichen Wohlstandsantworten reagieren sondern eine Kulturtranslation und Teilhabe an den strukturellen Veränderungen einer Gesellschaft vorantreiben.

    Solch mächtige Veranstaltungen wie der RefugeeHackathon haben die idealen Strukturen, um diese Entwicklungen zu ermöglichen. In einem Zusammenschluss zu einem lokalen Netzwerk, bei dem sich die Helfenden einfinden, kann der wichtige Informationsaustausch gedeihen, der Parallelentwicklungen verhindert.
    Der Einzelne kann helfen das Bestehende zu verbessern statt ein Konkurrenzprodukt zu entwerfen, das lediglich ein Feature mehr hat und das Potential einer Weiterentwicklung nicht ausschöpfen würde. Es liegt in der Hand jedes Einzelnen, ob aus der Idee und der Vision das wird, wofür wir alle arbeiten.

    Autor: Margarete Stein