48H NEUKÖLLN

kp_adminErnährung

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  • I

    __n Zeiten des westlichen Überflusses verschwenden wir kaum einen Gedanken an Umstände, die Menschen nicht satt machen. Während es in ärmeren Ländern den Menschen an Mitteln mangelt, mit denen sie ihren körperlichen Hunger stillen können, schwimmen wir in den Industriestaaten im Konsum- Überfluss und emotionalem wie mentalen Hunger.
    Die medialen Berichterstattungen, Dokumentationen und Filme erreichen uns kaum noch und erscheinen wie ein fernes dumpfes Flimmern eines vergessenen Fernsehers im dunklen Raum, der vor sich hinpalavert während wir dem Schlaf entgegendösen.

    Wir schwimmen wie ranziges Fett oberhalb eines Überangebotes, das uns mit

    „ … Gedanken und Meinungen, Informationen und Bildern, Events und Eindrücken, Freundschaftsanfragen, Likes und Selbstvermarktungsposen – also einer nicht enden wollenden Flut von Angeboten und Ansprüchen“ (1)

    überschwemmt und werden doch nie satt.

    „Der Seelenpart wurde aus der Ökonomie eliminiert, nicht aber die Erlösungshoffnung. … Alles, was früher auf die Position post mortem ausgerichtet war, muss jetzt im (kurzen) Leben vollzogen werden. … Wenn das Leben ein Leben auf den Tod hin ist, ist alles aus ihm herauszuholen, was es bieten kann; fast logisch folgt daraus ein Maximierungsgebot.“(2)

    Das Maximierungsgebot macht uns

    „übersättigt und hungrig zugleich, aber das positive Gleichgewicht eines SATT, scheint zu fehlen“, (3)

    da die Angebote des Marktes nicht ausreichen, um unsere menschlichen Bedürfnisse nachhaltig zu befriedigen.

  • Diese Ambivalenz spiegelte sich im Motto des diesjährigen Kunstfestivals „48h Neukölln“ in Berlin wieder. 48 Stunden lang wurden künstlerische Projekte aller Bereiche der Berliner Kunstszene in 170 Ateliers, Projekträume und Galerien ausgestellt und Besuchern zugänglich gemacht, in der Hoffnung wieder einen Zugang zu den ursprünglichen Empathien einer menschlicher Seele herzustellen.

    Was liegt jenseits der bekannten Befriedigungsstrategien, des Nie-Genug- Haben- Könnens?
    Kann Kunst es schaffen, im übertragenen Sinn wieder hungrig zu machen?
    Und wenn ja, wie?
    Verhindert unser gesellschaftliches „Übersattsein“ hier wichtige Entwicklungsschritte? (4)

    I

    __m Paradox eines übersättigten Konsumenten/in gefangen, brodelt in uns der Anspruch nach immer Neuem.
    Vor allem die Kunst sieht sich diesem Anspruch ausgesetzt, immer ungewöhnlichere Projekte zu erschaffen statt tatsächlich Anliegen und Inhalte zu transportieren.

    „Durch den fortwährenden Innovationsdruck geht der Raum für nachhaltige und kontinuierliche Auseinandersetzung verloren.“ (5)

    Die gleiche im Fördersystem verankerte Forderung produziert im Berliner Kunstraum zunehmend Rückzug und Verweigerung, denn

    „durch das Überstrapazieren des Begriffs Partizipation haben es Kunstprojekte, die sich jenseits des Effektvollen, Pompösen und der bevormundenden Didaktik bewegen, immer schwerer.“(5)

    Das Kunstfestival gestaltete vor diesem Hintergrund nicht nur einen Raum für BesucherInnen, in dem Sie sich mit eigenen und fremden Gedanken auseinandersetzen konnten sondern auch für Berliner Kunstschaffende, die in diesen Tagen dem eigenen Anliegen nach echter Teilhabe und zugewandter Kunstvermittlung nachgehen konnten.

48H NEUKÖLLN

24. – 26. Juni 2016 | Berlin
Neukölln Berlin | Kunstfestival | Ernährung

  • D

    __ie zentrale Ausstellung des 18. Festivals beherbergte im Vollgutlager, dem ehemaligen Lagerraum der Kindl Brauerei, die SATT Zentrale .
    Ca 30 Projekte widmeten sich in kunstvollen Installationen, Performances, Videoarbeiten, Aktionen und Werke dem Thema Hunger und Übersättigung. Für die drei Gruppenausstellungen entsandte das Kim Whan Ki International Art Festival acht koreanische KünstlerInnen nach Berlin. Die Salaam Shalom Initiative stellte Arbeiten von muslimischen und jüdischen KünstlerInnen zum Thema Hunger zur Verfügung und KünstlerInnen des Frauenmuseums Berlin stellten ihre Werke vor.

  • Neben der künstlerischen Diskussion um die Lebensmittelproduktion, die Tiere als ökonomisch optimierte Nahrungslieferanten degradiert, zeigte die Ausstellung wie Überfluss sich in körperliches Unwohlsein umschlagen kann.
    Von dieser Zentrale ausgehend, entsandte das Festival ihre Besucher in die Neuköllner Ateliers und auf dem Weg nach Hause, in der stillen Hoffnung, dass das schummrige Licht des nächtlich laufenden Fernsehers als Einschlaf- Geplapper irgendwann ausgedient hat.

    (1) Quelle: http://www.48-stunden-neukoelln.de/
    (2) Quelle: Agora 42 | Ausgabe 01/2016 | Seite 17-18
    (3) http://www.48-stunden-neukoelln.de/
    (4) http://www.48-stunden-neukoelln.de/
    (5) http://www.48-stunden-neukoelln.de/